Im Keller der Korbstadt

Wenn von der Unterwelt in Lichtenfels die Rede ist, ist nichts Kriminelles gemeint, sondern ein über 500 Jahre altes Labyrinth von Gängen und Räumen unter der Erde.

Allein die Vorstellung, nicht zum Vergnügen, sondern voller Ernst, eng zusammengepfercht, bei spärlichster Be-
leuchtung, zehn, fünfzehn Meter unter der Erde, irgendwo in dem weit verzweigten Netz der unterirdischen Gänge von Lichtenfels zu kauern, während droben alliierte Fliegerverbände alles in Schutt und Asche bombardieren, läßt wohl jeden, auch die Spätgeborenen, frösteln. Lothar Seelmann (rechts im Bild) hat es schon erlebt, daß bei seinen Führungen, die er seit einigen Jahren namens des Stadtmarketingvereins durch die Unterwelt der Korbstadt unternimmt, ältere Besucher in den Gängen zu zittern oder gar zu weinen anfingen, weil sie sich an ihre Kindheit in den Kriegsjahren und vor allem die bangen Stunden in den Kellergängen erinnerten. Lichtenfels war damals ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, ein Bahnhof, der vom nationalsozialistischen Regime als Umschlagplatz für Soldatenund Waffentransporte genutzt wurde, und damit natürlich ein vorrangiges Ziel von Angriffen der Kriegsgegner war; die bis zu fünfhundert Jahre alten Gänge unter der Erde waren deshalb natürlich als bombensicheres Depot bestens geeignet und wurden von den Nazis weidlich genutzt. Wenige Zeugnisse freilich sind aus diesen schrecklichen Tagen noch erhalten. Ein an der Wand angebrachter, verbeulter Verbandskasten, ein paar Kabel, einige Flaschen, ein kaum noch als solches erkennbares Stück Gewehr. Überhaupt sind die ca. 1,5 Kilometer Gänge nicht gerade üppig möbliert, so daß der Besucher schon sein Vorstellungsvermögen bemühen muß, den Berichten von Lothar Seelmann echten Erlebniswert abzuringen. Schwer dürfte das dennoch nicht fallen, weiß der Kellerforscher – immerhin hat er selbst an der neuerlichen Erschließung der zumeist verschütteten Gänge mitgewirkt – doch an jeder Biegung eine Anekdote, eine kleine Sage und natürlich auch gesichertes Wissen anzuführen. Sei es, daß es angeblich in früherer Zeit eine unterirdische Verbindung bis zum Kloster Banz gegeben haben soll, was ja durchaus sinnvoll gewesen wäre, etwa im Falle einer Belagerung der Stadt, damit wenigstens die Elite zum Gottesdienst die Stadt hätte verlassen können; sei es, daß bis auf den heutigen Tag das Edelfräulein Podica weißgewandet durch die Kellerflure wabert, sich noch immer nach dem Geliebten Kunemund sehnend, der allerdings laut Überlieferung längst in einer Schlacht bei Scheßlitz ums Leben gekommen ist.

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