Gemeiner Dost – Origanum vulgare

Unsere Serie: Heilkräuter vom Magerrasen – Ein Kraut wider Hexen, Eheteufel und Magenbeißen

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAls die unvorstellbar grausamen Maßnahmen zum Brechen des dämonischen Schweigezaubers wie Daumenschrauben, Brustreißer oder Spanischer Bock versagten, griff der Scharfrichter noch tiefer in seine Kiste mit den Folterwerkzeugen. Er braute einen Trank aus frischem Quellwasser, Ehrenpreis, Dost sowie Leber und Galle eines frischen Hechts. Diesen flößte er der Angeklagten per Trichter ein, um ihr den Satan auszutreiben und die gewünschte Wahrheit hervorzubringen: daß sie Sex mit dem Teufel hatte, das Wetter verhext oder kleine Kinder ­ermordet habe. Perfide Szenen des Hexenwahns im Deutschland des 17. Jahrhunderts und pervertierter Einsatz eines Krautes, dessen Image schon immer rundum positiv war. „Wohlgemut“ wird der Gemeine Dost, Origanum vulgare, im Volksmund genannt, denn er gilt seit Jahrhunderten als pflanzlicher Heiler bei seelischem Kummer und Stifter neuen Lebensmutes. Der intensive Duft der filigranen Pflanze, die sich an den sonnigen Hängen Mainfrankens ausgesprochen wohl fühlt, soll Sorgen vertreiben, aber auch Dämonen und Hexen fernhalten. „Dostie und Hartheid/Is em Teifel‘s größt Leid“, galt
in Lohr am Main der Spruch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Vor allem ihren wertvollsten Besitz, das Vieh, wollten die Menschen vor Krankheiten und versiegende Milch durch Verhexung schützen und hängten Büschel mit Wildem Dost in den Ställen auf.
Die antidämonische Kraft des Krautes führte man auf seinen starken Duft zurück. Die Zusammenstellung der ätherischen Öle Thymol, Carvacrol, Cymol und Borneol bilden ein würzig-intensives Aroma, das beim Zerreiben der eiförmigen Blättchen freigesetzt wird. Zwischen Juni und September setzt der Dost mit seinen rosafarbenen, weinrot überhauchten Blütenständen kleine Schaumkronen auf sonnige Hänge und an trockene Wegränder. Sein würzigerer Verwandter, der Griechische Oregano, ist unentbehrlich für jedes italienische Nationalgericht. Unentbehrlich war die heimische Variante für die Menschen früherer Zeiten aus einem anderen Grund: Seit 2 300 Jahren nutzen sie deren heilende Inhaltsstoffe. Schon der griechische Naturforscher Theophrast von Eresos (371 – 287 v. Chr.) erwähnte den Dost als Heilpflanze. Ein paar hundert Jahre später empfahl der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) in seiner Arzneimittellehre „De materia medica“ Dostkraut in Wein gegen den Biß giftiger Tiere.

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