Geistergespräch

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Der Dichter Jean Paul (1763–1825) und der Universalgelehrte Alexander von Humboldt (1769–1859) sind sich im Leben nicht begegnet. Und ob ein solches Gipfeltreffen die Menschheit wirklich weitergebracht hätte, ist so fraglich wie der Erkenntniswert eines heute nachgedachten bzw. überhaupt von – wie der Philosoph Arthur Schopenhauer sie nannte – „hohen Geistergesprächen“, derer es allerdings viele gibt. Fraglos ist ihr gehobener Unterhaltungswert. So haben die unermüdlichen Bayreuther Kulturarbeiter Karla Fohrbeck und Frank Piontek Ende Juli die beiden Geistesgrößen ins himmlische Goldkronach „gebeten“. Im wahrsten Sinne des Wortes übrigens, trifft man sich doch zunächst in der Kirche unter engelischer Aufsicht (Michaela Bachhuber) und mit dem Cello von Sybille Fritz als metaphysischen Katalysator. Ein Wandertheater mit Geistern bedarf aber auch geschulter Doubles, was, da unsterbliche Seelen von Natur aus durchsichtig sind, neben der Frage der Gage (wofür dann das Humboldt Kulturforum bürgte) auch Probleme der Dramaturgie mit sich brachte. Etwa wenn bei Meister Bär (Gasthaus) dem Bier zugesprochen wurde und kaum vorstellbar sein dürfte, daß die dem leiblichen Wohl nie abholden Seelen ihren Schauspielern (Wolfgang Ster als Humboldt und Marcus Leclaire (r) als Jean Paul – beide übrigens von der Bayreuther Studiobühne) etwas bzw. im Schloß aufgebotenen weiblichen Liebreiz abgeben würden. Überhaupt: Ob sich die beiden wohl wirklich, wie die Erdichtung glauben machen will, verstanden hätten? Hätte Jean Paul für seine Metapherngewetter wirklich in Südamerika rumturnen müssen und hätte dem Wissenschaftsfürsten das Lächeln eines geliebten Menschen als Forschungsgegenstand genügt? Auf jeden Fall aber haben die Zuhörer des Geistergesprächs das Städtchen Goldkronach etwas kennengelernt.
Da kann man mal wieder hin.

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