Exotik in Franken

Wenn in Coburg König Samba regiert und Würzburg zur afrikanischsten Stadt Deutschlands wird.

Brasilianer haben keinen Körper: Brasilianer sind Körper, so ein Bonmot. Und wer käme sonst auf die Idee, einmal pro Jahr die alte, geschichtsbewußte Herzogsresidenz in einen brodelnden Hexenkessel zu verwandeln. An solchen Wochenenden regiert hier drei Tage lang nur einer: König Samba. Uwe Kohls, 30, seit zwei Jahren Coburger und begeisterter Festival-Gast, wird auch diesen Juli wieder von Freitag bis Sonntag zum Brasilianer. Zwei Minuten, sagt der Musiker, brauche er zu Fuß von seiner Wohnung in der Innenstadt bis zum Marktplatz. Aber wenn dort im Juli der Rhythmus kocht und die Samba-Trommeln durch die engen Gassen dröhnen, dann, so Kohls, schaffe er die Strecke „noch viel, viel schneller“. Zumal er keine Angst vorm Stolpern haben muß. „Da drängen sich so viele Leute, da kannst du gar nicht umfallen.“ Bis zu 180 000 Besucher tanzen und schieben sich laut Polizei und Veranstalter über den Marktplatz, durch den Hofgarten, vor das Theater und durch die engen Gäßchen, wenn das Samba-Festival Coburg zu einem oberfränkischen Rio verhext. „Von Freitagnachmittag bis Sonntagnacht spielt die ganze Stadt komplett verrückt“, sagt Samba-Fan Kohls. Alles dreht sich hier nur noch um den brasilianischsten aller Tänze mit seinem schnellen, drängenden Takt und seinem magischen Synkopen-Rhythmus. Für Kohls gibt’s während dieser Tage nur eine Devise: „Wachbleiben und mitmachen, solang, wie ich irgendwie die Augen o_enhalten kann.“ Angesichts solcher Begeisterung klingt es fast ein bißchen nach Understatement, wenn Coburgs Pressesprecher Stefan Hinterleitner sagt: „Das Samba-Festival ist das wichtigste Ereignis im Coburger Festsommer.“ Und, so schiebt er nach, nicht nur einer der wichtigsten Marketing-Träger der ehemaligen Herzogs-Residenz, sondern auch „ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor für Gastronomie, Hotels und Einzelhandel“. Daran hätte vor 15 Jahren, als zum ersten mal Samba-Rhythmen das Städtchen aus dem Dornröschen-Schlaf weckten, eigentlich niemand gedacht. „Es klang zunächst wie eine Art Schnapsidee – aber dann wurde schnell klar, daß so ein Festival Coburg neues Leben einhauchen würde“, sagt Pressesprecher Hinterleitner. Schnell begriff die Stadt den brillanten Effekt für Wirtschaft und Image und sponsort nun alle Jahre großzügig. Heute, so Hinterleitner, sei das Samba-Festival für Coburg nicht mehr weg zu denken. Schon gar nicht für Uwe Kohls: Der freut sich schon auf das Wochenende vom 8.-10. Juli (2005), wenn wieder bezaubernde Samba-Girls mit ihrem aufwendigen Federschmuck wilde Tänze aufführen oder die „Gugge“-Musik aus der Schweiz auf die Pauke haut. Wenn deren Besetzungen, halb Bläser-, halb Rhythmusgruppe aufspielen, dann, sagt Kohls „rumst’s es nur so“! Und neben den Capuera-Leuten, die eine Mischung zwischen Kampfsport und Tanz zeigen, lobt er auch die „verrückten Hausfrauen-Bands, die hier einmal im Jahr richtig losgrooven“. Überhaupt ströme der Samba hier durch alle Adern, durch die der Jungen wie die der Alten: „Hier erlebt so mancher seinen dritten Frühling am Samba-Wochenende“.

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