Eine Frage der Menschlichkeit

Bei all der Diskussion um Angela Merkels zuversichtliches „Wir schaffen das!“ gerät oft in Vergessenheit, daß Deutschland es schon einmal geschafft hat, und das vor nicht allzu langer Zeit. Unmittelbar nach Ende des 2. Weltkriegs, als das Land alles andere als ein Wohlstandsland war, wurden 12 bis 14 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten und deutschsprachigen Teilen östlicher Nachbarländer aufgenommen. Natürlich nicht ohne Murren, aber letztendlich so erfolgreich, daß heute, 70 Jahre später, keiner mehr weiß, wer von den Mitbürgern ursprünglich aus diesen Gebieten stammt. Das Stadtarchiv Lauf a.d. Pegnitz hat es sich letztes Jahr zur Aufgabe gemacht, die Geschehnisse in der Zeit um 1946 speziell im damaligen Landkreis Lauf in Erinnerung zu rufen. Im Zentrum standen die Berichte von acht Zeitzeugen, die aus der ehemaligen Tschechoslowakei geflohen waren und noch heute in Lauf oder nicht weit entfernt leben. Ihre Erzählungen wurden in Beziehung gesetzt zu den Erlebnisprotokollen von drei Flüchtlingen aus dem Irak, Syrien und Afghanistan. Dokumentiert und mit Fotos angereichert liegen diese Berichte nun in der Publikation „Vertreibung gestern. Flucht heute. Neue Heimat Nürnberger Land“ vor.

In Akten aus den Jahren zwischen 1945 und 1971 stieß die Leiterin des Archivs, Ina Schönwald, irgendwann auf Zahlen, die angesichts der aktuellen Debatte z. B. über eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen kaum zu glauben sind. Im ehemaligen Landkreis Lauf, einem Teil des heutigen „Nürnberger Landes“, in dem damals 28 371 Menschen lebten, wurden in den Nachkriegsjahren 10 163 Flüchtlinge und Vertriebene aus dem früheren Sudetenland und der Iglauer Sprachinsel aufgenommen. Etwa jeder Dritte Einwohner ist damals also ein Vertriebener gewesen.
Wie konnte dies bewältigt werden? Nicht ohne anfängliche Widerstände innerhalb der Bevölkerung, obwohl die Zugewanderten allesamt Deutsch sprachen. Im August 1945, nachdem die ersten rund 1 000 Vertriebenen aus der Tschechoslowakei eingetroffen waren, beklagte der damalige Landrat Kurt Böhmer, daß „sehr viele unserer Volksgenossen nicht imstande sind, Verständnis für die Lage dieser heimatlos gewordenen Menschen aufzubringen.“ Es kennzeichne einen Mangel an Menschlichkeit, „wenn Bewohner eines Hauses zusehen, wenn Frauen und Kinder in einem Kartoffelkeller auf dem Boden leben, während sie selbst in der Lage sind, in bequemen Räumen und Betten zu leben“. Er forderte ein „Zusammenrücken der Bewohner eines Hauses“ und ging selbst mit gutem Beispiel voran, indem er Flüchtlinge bei sich wohnen ließ.
Doch mit dem freiwilligen „Zusammenrücken“ war es ansonsten nicht weit her. Anfangs waren es fast nur Kirchen und karitative Verbände, die sich um die Ankommenden kümmerten. Als das Land Bayern sich dann jedoch immer größeren Einwandererströmen ausgesetzt sah, schuf man auf Landesebene eine „Flüchtlingssonderverwaltung“ und hielt die Gemeinden an, sogenannte Flüchtlingskommissare zu ernennen. Deren hauptsächliche Aufgabe bestand darin, Wohnraum zu schaffen, und zwar zwangsweise. Ab November 1945 ist belegt, daß im Landkreis Lauf Zimmer, von denen der Kommissar der Meinung war, daß die Hausbewohner sie nicht unbedingt brauchten, von seiten des Städtischen Wohnungsamts „beschlagnahmt“ wurden.

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