„Ein Stück fränkische Heimat bewahren, vastehst mi?“

Alltagsmotive aus Franken haben der Fotograf Andreas Riedel und der Mundartdichter Helmut Haberkamm mit fränkischen Sprüchen zu witzig-hintergründigen „Bosdkaddn“ vereint. Mit Erfolg: Jetzt arbeiten sie bereits an der fünften Auflage.

Es sind Sprüche wie „Wenn die Worschd so digg wies Brood is, is worschd wie digg is Brood is“ oder „Wu blabbdern widder, der alt Dooser?“ („Wo bleibt er denn wieder, der alte Döskopp?“), die unter Fotografien von aufgereihten Würsten bzw. einem Mann, der an der Haltestelle grimmig nach etwas Ausschau hält, eine komische Wirkung entfalten; teils mit liebevollem Spott, teils mit feiner Ironie. Aber immer ist die Liebe zur fränkischen Heimat auf dieser Art Postkarten spürbar.

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Seit 2011 verlegt Andreas Riedel die Karten mit mehr als 30 Motiven, als „Nischenprodukt“. Mittlerweile hat er bereits 13000 Stück verkauft. Gemeinsam mit Helmut Haberkamm sucht er nun für die 5. Auflage neue Motive aus seinem Fundus heraus, zu denen sich Haberkamm wieder passende Sprüche ausdenkt oder welche findet, die der Franke schon immer kennt. Zum Beispiel den Klassiker: „Geh nauf zum Ding unn sooch zum Ding, der Ding sull ro, sunnsd läffd ‘m Ding sei Ding davoo.“ „Wir wollen mit diesen Karten einfach ein Stück unserer Heimat und Sprache bewahren und weitergeben,“ so die Motivation der beiden fränkischen Künstler. Sie kennen sich seit 1995 und haben schon bei zwei Büchern zusammengearbeitet, die im Verlag ars vivendi erschienen sind. Neben dem gleichen Humor eint sie ein ähnlicher Blick auf unverfälschten Alltag in Franken, die Liebe zur Sprache, zur Heimat und die Menschen.

Riedel zeigte seinem Freund das eine oder andere Foto, Haberkamm „haute immer einen passenden Spruch raus“. Anfangs als Spaß gedacht, experimentierten sie mit Farbund Schwarz-WeißAufnahmen, mit Sprüchen und ohne. Bald war klar: Schwarz-Weiß ist wirkungsvoller und erst mit einem Spruch darunter ergibt sich eine witzige Aussage. Bis heute suchen sie zuerst das Fotomotiv gemeinsam heraus und danach die passenden Worte, den besten Spruch.

Bei der Auswahl der Motive achten sie einerseits darauf, möglichst keine Gesichter zu zeigen. „Wir wollen niemanden bloßstellen!“ Andererseits wollen sie ursprünglichen fränkischen Alltag und Handwerk, dabei aber auch die Situationskomik zeigen. Ist der Grad zwischen Ernsthaftigkeit und derber Albernheit dabei nicht schmal? „Ja, ist er schon“, sind sich beide bewußt. Aber daraus entstehe die Spannung, daß sich der Betrachter frage, ob das jetzt Ernst oder Spaß sei. Und wer sich hier über wen lustig mache. „Wir Franken haben keinen Humor und seien zugeknöpft, heißt es ja immer, aber so zeigen wir, daß das ein ewiges Klischee ist und wir uns selber hochnehmen können“, sagt Helmut Haberkamm und lacht.

Helmut Haberkamm liegt die fränkische Seele mit ihrem Dialekt am Herzen. 1961 im mittelfränkischen Aischgrund geboren, wächst er im Dorf Dachsberg auf dem elterlichen Bauernhof auf und saugt den fränkischen Dialekt intensiv ein. Weitere Sprachkenntnisse erwirbt er sich bei seinem Studium der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik in Erlangen und Wales. 1991 promoviert er über britische Gegenwartsdichtung. Seit 2001 unterrichtet er am Emil-vonBehring-Gymnasium in Spardorf. Sein literarisches Debüt gibt er 1992 mit dem vielbeachteten Gedichtband „Frankn lichd nedd am Meer“. Weitere Gedichtbände, aber auch Theaterstücke, u. a. das Kultmusical „No Woman, No Cry – Ka Weiber, ka Gschrei“, Bildbände, Erzählungen und regelmäßige Arbeit für den Bayerischen Rundfunk folgen. Mit zahlreichen Preisen bedacht, wird Haberkamm von den Kritikern als einer der wichtigsten fränkischen Dichter und Sprachsammler gewürdigt.

Andreas Riedel fotografiert am liebsten ungestellten Alltag auf der Straße; in Franken und zahlreichen Städten vor allem in Europa. 1970 in Neustadt/Aisch geboren, lernt er in der elterlichen Gastwirtschaft die Originale seiner Heimatstadt kennen und bekommt frühzeitig einen Blick für ursprüngliches Leben und Handwerk. Mit 15, 16 Jahren hält er es bereits mit der Kamera fest, mit gerade einmal zwanzig Jahren macht er sich als Fotograf selbständig und absolviert nebenher Fotografenlehre und Meisterprüfung. 1997 erscheint bei ars vivendi sein erster Bildband „Die seddn un die selln – Menschenbilder aus Franken,“ mit einem Vorwort von Helmut Haberkamm. Neun weitere Bildbände und Bücher folgen u. a. mit Porträts seiner Heimatstadt Neustadt/Aisch. Dem vielseitigen Fotografen gelingen eindrückliche Porträts, darunter Künstler wie Georg Ringsgwandl oder Gerhard Polt, aber auch Momentaufnahmen mit genauer Beobachtungsgabe für das Absurde.

Weitere Infos: www.fotografie-riedel.de