Eberwurz – Carlina acaulis

Unsere Serie: Heilkräuter vom Magerrasen: Eberwurz – florales Barometer mit Potenz oder die Artischocke der Almhirten

Eberwurz

Die Rhöndistel ist im späten Herbst natürlich mitunter auch etwas mitgenommen – aber immer noch attraktiv.

Himmelwärts öffnen sich die Blütenköpfe und leuchten wie silberne Sonnen inmitten einer Rosette aus stachligem Grün. Der Eberwurz ist eine attraktive Erscheinung, mit seinen schimmernden Hüllblättern, die das große Blütenkörbchen grazil einrahmen. Abgezielt hat er es damit von Juli bis September, in milden Wintern auch bis Dezember, auf Insekten. Der silberne Strahlenkranz refl ektiert das UV-Licht und lockt dadurch die kleinen Bestäuber auch auf die weniger scheinbaren Röhrenblüten in ihrer Mitte. Dem Reiz des auff älligen Korbblütlers erliegt aber auch der Wanderer, der über die off enen Flächen der Hochrhön streift und ihn entdeckt. Das Mittelgebirge im Länderdreieck Hessen, Bayern und Thüringen bietet dem Eberwurz beste Standortbedingungen: sonnenverwöhnte Steinrasen, trockene und nährstoffarme Böden, umherziehende Schafherden. Hier ist die deutschlandweit gefährdete und streng geschützte Art – Sammeln und Ausgraben strengstens verboten – relativ häufig anzutreff en, was sie zum botanischen Markenzeichen der Region geadelt hat. Rhöndistel ist nur einer der vielen volkstümlichen Namen von Carlina acaulis, so der botanische Name der Pflanze. Ein anderer, Silberdistel, ist naheliegend bei ihrem Aussehen. Daß sie es auch sonst in sich hat, verrät ein weiterer Alias: Wetterdistel. Bei feuchter und kalter Witterung legen sich die Hüllblätter des Eberwurzes dank ihres hygroskopischen Mechanismus wie ein schützendes Zelt über den Blütenkopf, um dessen Pollen vor drohendem Regen zu schützen. Wer will, kann diese faszinierende Eigenschaft des fl oralen Barometers provozieren: fünf- bis zehn Mal anhauchen, und die Hüllblätter beginnen sich aufzurichten. Nässe mag der Eberwurz grundsätzlich nicht, da er ein ausgesprochener Trockenspezialist ist. Über seine dornigen Blätter verdunstet wenig Feuchtigkeit, und die bis zu einem Meter ins Erdreich vordringende Pfahlwurzel kann auch in langen Dürreperioden noch Wasserreserven aus dem Untergrund ziehen. In diesem beachtlichen Rhizom vermuteten die Heilkundigen früherer Jahrhunderte die heilsame Potenz der Pflanze. Der Milchsaft der Wurzel enthält ein ätherisches Öl mit antibakterieller Wirkung. Diese beruht auf der Substanz Carlinaoxid, die leider auch stark toxisch wirkt. Von innerer Einnahme ist deswegen abzuraten. Die Wurzel wurde in der Volksheilkunde bei Grippe und Erkältungen eingesetzt, offenbar aber auch als Mittel gegen die Pest. Eine legendäre Legitimierung gibt kein Geringerer als Karl der Große ab. Als dessen Heer von der grauenhaften Seuche befallen war und keine Medizin die Soldaten retten konnte, erschien ihm ein Engel im Traum. Dieser gebot dem Kaiser, einen Pfeil abzuschießen, um das passende Heilkraut zu fi nden. Der Herrscher befolgte die himmlische Anweisung und versenkte den Pfeil in eine Silberdistel. Mit ihrer Hilfe kurierte er seine todgeweihten Mannen.

anzeige

anzeige
Sie möchten den Artikel gerne zu Ende lesen?

Das Franken Magazin steht unseren Abonnenten als Online-Archiv kostenlos zur Verfügung. Wenn Sie unseren Service also in vollem Umfang nutzen möchten, abonnieren Sie am besten noch heute unsere Print-Ausgabe und erhalten den Online-Zugang gratis.

Abonnement abschließen
Ich bin bereits Abonnent

Sie können sich noch nicht entscheiden? Einige Artikel sind auch für Nicht-Abonnenten kostenlos. Hier finden Sie eine Übersicht aller kostenlosen Artikel: Zur Kategorie 'kostenlos'