Digitalisierung

Im Fichtelgebirgsmuseum in Wunsiedel: „Arzneimittel in todsicherer Dosis. Die Pharmazeutin Agatha Christie“

AgathaChristieVon mir nach Wunsiedel sind es gut und gerne 189 Kilometer; knapp zwei Stunden, in denen mir die nach Gras riechenden Dreadlocks der 18jährigen Schauspielerin Zendaya Coleman, der Kümmerling, der nicht für uns singen will, mobile Totholzbiotope und Melioristen der hiesigen Szene, die First-Kiss-Aktion der schweizer Umsonstzeitung „20Minuten“, beeindruckende Konzertschnipsel von Kulturpolitikern und der dergleichen mehr durch den Kopf gehen. Zugegeben, die Vorstellung schreckt, schließlich könnte all das selbst auf sein spezifisches Gewicht eingedickt, irreversible Schäden verursachen. Es kommt, wie Paracelsus schon wußte, auf die Dosis an. „Dosis sola facit venenum.“ Mitunter können eben winzige Partikel schon des Guten zuviel sein. Der nötigen Sachkenntnis wegen habe ich mich, herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens im Herzen, ja schließlich auf den Weg ins Fichtelgebirgsmuseum gemacht. In der Ausstellung „Arzneimittel in todsicherer Dosis. Die Pharmazeutin Agatha Christie“ (bis 25.Mai) kann man sich wunderbar über bewährte Gifte informieren, und erfährt zuverlässig, wogegen es bis heute keine Gegengifte gibt.

Und vor allem: wie sie wirken, die Gifte. Blausäure, Arsen, Morphin, Digitalis, Barbiturate, Strychnin, Chlorhydrate, Aconitin, Atropin, Cocain, Strophantin – alles Mittelchen, die zumindest in den rund 94 Romanen und 15 Theaterstücken der Queen of Crime, Dame Agatha Mary Clarissa Christie (1890 bis 1976), 78 Menschlein gepflegt ins Jenseits beförderten. Man erfährt, daß Sokrates einen Becher Coniin (gefleckter Schierling) trinken mußte und Aristoteles sich mit dem Geifer des Zerberus (Aconitum/Blauer Eisenhut) das Leben nahm. Eisenhut war übrigens auch ein Bestandteil von mittelalterlichen Hexensalben, da das Aconitum ein Hautkribbeln hervorrief, das unter dem Einsatz von Halluzinogenen als Wachsen von Federn gedeutet werden konnte. Auch dem Arsen, dem „Gift des Cinquecento“, das nicht nur für die italienischen Adelsfamilien Visconti, Sforza und Medici, sondern über Jahrhunderte in ganz Europa das Mordgift – weil geruch- und geschmacklos – der Wahl war und auch „Altsitzerpulver“ oder „Erbschaftspulver“ genannt wurde, wird eine Vitrine gewidmet, ebenso wie dem roten Fingerhut.

Der pflanzenkundige Mediziner Leonhard Fuchs hatte 1543 in seinem Kräuterbuch den Fingerhut „Digitalis“ genannt, allerdings war es erst 1867 dem französischen Apotheker Claude-Adolph Nativelle gelungen den wesentlichen Wirkstoff Digitoxin aus der Pflanze zu isolieren. Dumm ist eigentlich bei allen in der Ausstellung präsentieren Giften, daß heute zwar kein Hercule Poirot oder eine Miss Marple, schon gar nicht in Würzburg, zu fürchten wäre, die Verabreichung von Venena (lat. Gifte) mit wissenschaftlichen Methoden aber relativ problemlos nachgewiesen werden kann. Leicht bekäme sonst womöglich das Vorhaben, irgendetwas in puncto “Stadtrat” zu digitalisieren, einen ganz anderen Zungenschlag.

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