Die Reise nach Jerusalem

Tourismus einst und heute – anhand der Reisebeschreibung von Hans VI. Tucher läßt sich ein Vergleich anstellen.

Epitaph für Adelheid Tucher mit der Ansicht von Jerusalem Eigentümer: Tucher’sche Kulturstiftung

Epitaph für Adelheid Tucher mit der Ansicht von Jerusalem
Eigentümer: Tucher’sche Kulturstiftung

Wer glaubt Reisen, das sei eine Erfindung des neuzeitlichen Menschen, der irrt. Zugegeben die Beweggründe waren in früheren Jahrhunderten oft ganz andere: Das ­moderne Relaxen, mal „die Sau raus lassen“, neue Kraft tanken, Seele baumeln lassen, das gab es lange so nicht. Aber die Seele, die spielte auch im 15. Jahrhundert eine gewichtige Rolle. „Allein umb gotes ere und meiner seele selikeyt“.
Damit begründet der Nürnberger Hans VI. Tucher seine Reise von 1479/80 ins Heilige Land. Seitdem Helena, die Mutter des großen Kaiser Konstantin, im Jahre 324 das Grab Jesu, dazu das Kreuz, drei Nägel und die Heilige Lanze auf wundersame Weise gefunden hatte, gab es bereits für den mittelalterlichen Menschen ein Reiseziel, das über Jahrhunderte hinweg boomte: die Grabeskirche und das gesamte Heilige Land. In der allerersten Zeit brauchte man streng genommen für diese Reise nur ein One-way-ticket, hieß es doch „Jerusalem sehen und sterben“. Denn was konnte es Besseres geben, als in der Nähe der Heiligen Stätten begraben zu werden? So war man, wenn die Posaunen des Jüngsten Gerichtes geblasen wurden, ganz sicher am richtigen Ort, um schnellstens zum ewigen Leben erweckt zu werden.
Ein Reisender zu Zeiten von Hans Tucher im späten 15. Jahrhundert verfolgte bereits etwas andere Ziele, wollte er doch möglichst unversehrt wieder nach Hause kommen, das Gepäck voller Reliquien – mit einem Tropfen der Muttermilch Mariens, einem Splitter vom Kreuze Jesu, die so zahlreich verkauft wurden, daß man nach Meinung des Erasmus von Rotterdam aus der Vielzahl dieser echten Holzstückchen ein ganzes Schiff hätte bauen können.

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