Die Metropolregion braucht neuen Schwung

Die Europäische Metropolregion Nürnberg feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Eine Erfolgsgeschichte? Durchaus, und doch gibt es auch kritische Anmerkungen. Es mangele an Elan, die internationale Strahlkraft der Anfänge verblasse allmählich. Einer der maßgeblichen Initiatoren und Architekten der Metropolregion Nürnberg ist Hans-Peter Schmidt: Altpräsident der IHK Nürnberg, Vorsitzender des Kuratoriums der Europäischen Metropolregion Nürnberg, langjähriger Aufsichtsratsvor- sitzender der NÜRNBERGER Versicherungsgruppe und Honorarkonsul derTschechischen Republik. Er sieht sich nach wie vor verpflichtet, die Metropolregion anzuspornen und auch selbst mit Ideen direkt am Geschick der Metropolregion Anteil zu nehmen. Wir sprachen mit Hans-Peter Schmidt über die ja noch junge Geschichte der Metropolregion und über die Chancen, die sich durch die maßgeblich von ihm mit vorangebrachte erste bayerisch-tschechische Landesausstellung 2016/17 ergeben.

„Wir brauchen Stimulanz, um nicht einzuschlafen.”

„Wir brauchen Stimulanz, um nicht einzuschlafen.”

Herr Schmidt, brauchen wir überhaupt eine Metropolregion, und wenn ja, muß uns dann auch noch die Geschichte dieser Institution interessieren?
Hans-Peter Schmidt: Beides muß ich bejahen, und das wird gerade verständlich, wenn wir uns die Entstehungsgeschichte der Metropolregion etwas vor Augen führen. Wir haben ab den 90er Jahren eine ganze Reihe großer, wichtiger Unternehmen verloren. Triumpf-Adler, AEG, Grundig, Schöller bis hin schließlich zu Quelle noch in jüngster Vergangenheit. Damals war die Larmoyanz darüber in Nürnberg, Fürth, überhaupt in Nordbayern groß. Im Vergleich mit München fürchteten wir auf der Strecke zu bleiben. Wir haben uns als Krisenregion gesehen und wollten deshalb sogar Unterstützung – nicht aus München.

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Von der EU?

Schmidt: Ja, wir hätten als Krisenregion von Brüssel ca. 1,5 Millionen D-Mark als Unterstützung, als Fördergeld bekommen, hätten aber erst noch argumentieren müssen, warum wir Krisenregion sind. Nun, 1,5 Millionen waren auch damals nicht eben viel Geld. Das wäre gleich verzündelt und verbrannt worden.
Immerhin, wir hätten die Auszeichnung „Krisenregion“ gehabt, was bekanntlich weder für einen einzelnen Arbeitnehmer noch für ein Unternehmen sonderlich attraktiv ist. Wer kommt schon gern aus einer kranken Region? Wer immer gekonnt hätte, wäre von hier weggegangen. Die Situation wäre für uns alle nur schlimmer geworden. Schließlich haben wir aber doch erkannt, daß Vorwärtsverteidigung die bessere Strategie ist.

Wie konnte die aussehen?

Schmidt: Wir mußten uns auf unsere Stärken besinnen – nicht auf unsere Schwächen. Es war ja die Zeit, in der Brüssel Metropolregionen auswies. München zeigte daran wenig Interesse. Es gab die Metropolregion Stuttgart, deren Wirtschaftskraft vor allem der Autoindustrie verdankt ist. Autoindustrie haben wir nicht, aber wir haben viel Mittelstand, vor allem auch als Zulieferer für die Automobilindustrie. Rund 240 solcher Firmen gibt es hier in der Region. Wir haben uns darauf besonnen, daß wir tatsächlich eine starke Wirtschaftsregion sind, und zwar auch eine innovative in dem Sinn, daß man das, was wir herstellen, auf dem Weltmarkt auch brauchen kann.

Kann man sagen, daß eine Metropolregion sich in hohem Maße durch ihr Image auszeichnet? Wenn eigentlich alles da ist, muß man es nur erkennen.

Schmidt: Der Mensch fragt stets nach der Marke und eine solche mußten wir für unseren Außenauftritt schaffen. Dafür gibt es einen Kriterienkatalog: starke Wirtschaft; starke Wissenschaft; starke Kultur und starker Sport.
Schauen wir uns die Kultur an. Wir hatten natürlich hier ein reges Kulturleben, viel Kleinkunst, auch ein Dreispartentheater. Uns fehlte aber ein „kultureller Leuchtturm“, so etwas wie Mozart in Salzburg oder Wagner in Bayreuth. Wieder liegt das Gute so nahe. Betrachten wir die Musikgeschichte haben beide, Mozart und Wagner, weil das damals nicht verpönt war, geräubert nach allen Regeln der Kunst: bei Gluck. Und den haben wir, denn Gluck wurde ganz in der Nähe Nürnbergs geboren. Gluck ist der europäische Opernreformator überhaupt. Wenn wir ein Opernhaus mit Profil brauchen, dann kann dies nur auf der Grundlage von Christoph Willibald Gluck gelingen. Deshalb haben wir die Internationalen GluckOpern-Festspiele ins Leben gerufen. Außerdem kam noch Dr. Axel Baisch. Ich war damals Präsident der Opern- und Konzertfreunde, und schlug einen Opernball für Nürnberg vor. Anfangs war ich skeptisch, ließ mich aber überzeugen. Wir machten es, und wir machten es anders als Wien, mit größerer Vielfalt, nicht nur klassisch. Es gab auch Swing. Es gab natürlich feines Essen, aber auch Bratwürste. Tatsächlich war der Zuspruch so groß, daß wir die Nachfrage nach Karten gar nicht erfüllen konnten. Opernball und die Internationalen Gluck-Opern-Festspiele waren Grundlage und Voraussetzung, daß die Städtischen Bühnen in den Status einer Staatsoper und eines Staatstheaters erhoben wurden.

Damit war für die Antragstellung das Thema Kultur wohl abgedeckt?

Schmidt: Ja. Das Thema Wissenschaft dann war überhaupt kein Problem. Wir haben die altehrwürdige Friedrich-Alexander-Universität, hatten damals mehr als ein Dutzend Hochschulen bis hin zur Ohm-Hochschule und wir konnten noch das Siemens Medical Valley draufsetzen.
Problematisch war das Thema Sport. Der Fußball war damals da, wo er jetzt wieder ist. Wir haben uns darauf besonnen, daß wir Europas größte Fahrrad- und Motorradherstellerregion waren. Wir haben ja sogar noch eine richtige Radrennbahn, den Reicheldorfer Keller – da werden immer noch Steher-Rennen gefahren.
Die NÜRNBERGER Versicherungsgruppe war damals schon im Radsport engagiert, mit dem Team NÜRNBERGER Versicherung. Dazu hatte uns der ehemalige OB Peter Schönlein mit seinem Altstadtrennen überzeugt. Auf mein Betreiben hin engagierten wir uns auch im Frauenradsport. Für unsere Equipe NÜRNBERGER Versicherung, die jahrelang in der Weltspitze mitfuhr, konnten wir zum Glück hervorragende Fahrerinnen aus der ehemaligen DDR gewinnen, etwa Petra Rossner. Nur durch die Dopingaffären sahen wir uns gezwungen, das Herrenteam aufzulösen. Die Frauen waren darin zwar nicht involviert, doch geriet der Radsport insgesamt derart in Mißkredit, daß beispielsweise zum Altstadtrennen kaum noch Besucher kamen, so daß wir auch unser Frauenteam auflösen mußten. Aber da waren wir bereits Europäische Metropolregion.

Was aber genaugenommen bedeutet, daß einige wesentlichen Punkte, die für die Anerkennung als Metropolregion entscheidend waren, nicht mehr gegeben sind.

Schmidt: Richtig. Wir haben tatsächlich die Metropolregion systematisch für die Antragstellung aufgebaut. Nach wie vor sind wir aber eine starke Wirtschaftsregion und wir haben als Wissenschaftsstandort herausragende Bedeutung. Sport? Hier haben wir inzwischen das WTA-Tennisturnier NÜRNBERGER Versicherungscup.
Über den Kulturbetrieb in Nürnberg kann man natürlich diskutieren. Wir waren als erste deutsche Oper mit Wagners Ring in Peking. Wir haben in Hongkong und Shenzhen Gluck gegeben. Eine vergleichbare Internationalität findet nicht mehr statt. Wenn die Metropolregion mit dem Slogan „Original regional“ wirbt, dann kann man damit international nicht punkten. Spargel läßt sich damit jedenfalls in China nicht verkaufen.

Was fordern Sie also?

Schmidt: Wir brauchen den Mut und die Mittel, international aufzutreten. Als Honorarkonsul verweise ich hier gerne auf die Tschechische Republik. Die Regionen Eger und Karlsbad würden sich gerne unserer Metropolregion anschließen. Die Frage ist nur, wie nennen wir das Ganze dann? Europäische Metropolregion Nürnberg wäre dann nicht mehr so passend.

Wie sehen Sie die Chancen, die sich aus der 2016/17 stattfindenden, von Ihnen ja ebenfalls mit auf den Weg gebrachten bayerisch-tschechischen Landesausstellung ergeben könnten?

Schmidt: Die Anregung dazu stammt vom ehemaligen tschechischen Ministerpräsidenten Petr Nečas bei seinem Besuch bei Ministerpräsident Horst Seehofer vor zwei Jahren. Das Haus der Bayerischen Geschichte wird Kaiser Karl IV. in den Mittelpunkt der Landesausstellung stellen; er ist insgesamt 52 Mal zu Pferde bzw. mit der Kutsche von Prag nach Nürnberg und zurück gereist. Am 14. Mai 2016 wird sein 700. Geburtstag gefeiert. Wir wollen für die Landesausstellung die „Goldene Straße“ in Anspruch nehmen, auf der sich Karl IV. bewegt hat. Die Landesausstellung wird also ihre Stationen haben von Prag über Karlstejn nach Pilsen (derzeit Kulturhauptstadt), nach Marktredwitz, Bernau, dem ehemaligen Grenzübergang nach Eger, nach Weiden, Sulzbach-Rosenberg, Amberg, schließlich ins Wenzelschloß zu Lauf. Dort werden wir ein Sprachzentrum gründen. Von einer Landesausstellung muß etwas Dauerhaftes bleiben, sie darf nicht einfach nur vorbeigehen. Dann geht es weiter auf die Kaiserburg und zum Germanischen Nationalmuseum.

Die Landesaustellung wird nicht an nur einem Ort stattfinden?

Schmidt: Nein. Das wurde allerdings so noch nie gemacht. Gegenwärtig bin ich mit Dr. Wolfgang Jahn vom Haus der Bayerischen Geschichte unterwegs. Wir machen unsere Honneurs bei den Kommunen. Das ist nicht schwer. Alle wollen gerne mitmachen.

Und wie denken Sie nun, diese Landesausstellung im Sinne der Metropolregion nutzen zu können?

Schmidt: Wir müssen alle vier Kriterien wiederbeleben, und das geht nun mal am besten durch Beziehungen, Verbindungen mit kompetenten Partnern. Ich will sagen: Die Tschechen können nicht nur Kultur oder Bier, sie können auch Technik. Denken Sie an Škoda – in allen Fahrzeugtests liegt Škoda an der Spitze. Wir müssen unsere Wirtschaftsbeziehungen ausbauen. Eine Landesausstellung bietet da gute Gelegenheiten.
In puncto Wissenschaft wird sicher das geplante Sprachzentrum hilfreich sein, das in Kooperation mit der Karls-Universität Prag aufgebaut wird. Beteiligt sind die Friedrich-Alexander-Universität und erstmals auf deutschem Boden auch die GoetheInstitute. Die Bedeutung des Sprachzentrums liegt allein schon darin, daß es zum Auf- und Ausbau von internationalen Kontakten eine Voraussetzung ist, daß wir miteinander kommunizieren können, daß wir uns überhaupt verstehen.
Wir werden auch den Sport beleben; beispielsweise mit einem internationalen Reitturnier in Weiden im kommenden Jahr.
Wir werden für uns werben – auch bei den Sudetendeutschen. Am 14. Mai 2016 ist, wie erwähnt, der 700. Geburtstag von Karl IV. An diesem Tag, Pfingstsamstag, beginnt traditionell der Sudetendeutsche Tag, der zum ersten Mal seit langem wieder in Nürnberg stattfinden wird. Es wird einen Staatsempfang des Heimatministeriums auf der Kaiserburg geben und wir werden versuchen, alle Sudetendeutschen davon zu überzeugen, daß wir die Zukunft miteinander gestalten müssen.
Ich sehe all diese Aktivitäten im Zusammenhang mit der Europäischen Metropolregion. Wir brauchen Kooperationen, wir brauchen auch wirtschaftlichen Wettbewerb. Wir brauchen Stimulanz, um nicht „einzuschlafen.“

Herr Schmidt, Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.