Der Stern des Glücks

Die unterfränkische Kleinstadt Marktheidenfeld bangt um ihr Wahrzeichen – Flußkreuzfahrtschiffe nehmen an historischen Brückendenkmälern Anstoß.

Die phantastischen Erwartungen, die sich 1846 an die Fertigstellung der Brücke über den Main bei Marktheidenfeld knüpften, wurden natürlich nicht alle oder nicht sofort erfüllt. Als die Brücke damals ihrer Bestimmung übergeben wurde, war sie die erste Mainbrücke zwischen Würzburg und Aschaffenburg und bald (mit dem Aufkommen der Automobile) ein wichtiger verkehrstechnischer Streckenabschnitt zwischen den beiden Städten. Heute ist sie Eigentum der Bundesrepublik Deutschland, hat verkehrspolitisch an Bedeutung verloren, steht dafür aber mit vollem Recht unter Denkmalschutz. Sie ist in der Tat eine Augenweide.
Seit vielen Jahren ist nun bekannt, daß sie saniert werden muß. Vorgesehen ist nach der Sanierung übrigens ein Tausch des Eigentums mit der neuen Mainbrücke (Verkehrsübergabe im Dezember 2002), deren Eigentümerin die Stadt Marktheidenfeld ist – die Unterhaltslast wird dann an die Stadt übergehen. Erste Pläne für die Sanierung wurden im Jahr 2012 vorgestellt, und zwar ohne äußere Veränderungen. Mit Entsetzen mußten Stadt und Bürgerschaft dann 2013 zur Kenntnis nehmen, daß das Wasser- und Schiffahrtsamt inzwischen anstrebt, den mittleren Brückenpfeiler zu entfernen, damit die immer größer und höher werdenden Schiffe „leicht und sicher“ die Brücke passieren können. Es geht dabei offensichtlich vor allem um die sogenannten „Hotelschiffe“ bzw. „Flußkreuzfahrtschiffe“, die in den vergangenen Jahren in immer größerer Anzahl den Main entlangschippern.

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Engpaß einer internationalen Wasserstraße

Bürgermeisterin Helga Schmidt-Neder, der gesamte Stadtrat sowie eine eigens gegründete Initiative „Mainbrücke retten“, die innerhalb kürzester Zeit 5 400 unterstützende Unterschriften sammelte (die Kleinstadt hat ca. 11 000 Einwohner), wandten sich sofort nach Bekanntwerden der Planungen des Wasser- und Schiffahrtsamtes gegen die Verstümmelung der Brücke. In einer Stadtratssitzung Mitte April 2016 stellten nun einerseits Vertreter der beteiligten Behörden, von der Wasser- und Schiffahrtsverwaltung des Bundes über die Generaldirektion Wasserstraßen und Schiffahrt bis zur Bundesanstalt für Wasserbau, der letztlich direkt dem Bundesverkehrsminister unterstehenden Behörde, ihre Pläne und Untersuchungen z. B. bezüglich der Gefahren für die Schifffahrt vor und mußten sich andererseits die Ablehnung seitens der Bürgerschaft (unterstützt übrigens vom Staatlichen Bauamt Würzburg) anhören. Ein großer Teil der Bevölkerung vertritt demnach die Ansicht, wenn Schiffe ab einer bestimmten Länge oder auch mit einem höheren Aufbau Probleme haben, könnten diese eben den Main gegebenenfalls nicht passieren. Jedenfalls könne nicht alles einer fragwürdigen Optimierung nach dem Motto „weiter – höher – schneller“ geopfert werden. Es sei Aufgabe der Behörden, eine Lösung anzustreben, bei der der Erhalt der denkmalgeschützten Brücke gewährleistet sei.

bru%cc%88cke02bHinzu komme, daß die Brücke in Marktheidenfeld ja nicht die einzige „Problembrücke“ sei. Das beginne im hessischen Auheim und Großauheim, gehe weiter zur Alten Mainbrücke in Lohr am Main und reiche bis nach Würzburg, wo es ebenfalls die Alte Mainbrücke betreffe.
Gerade die Brücke in Würzburg hat einen mindestens ebenso prägnanten historischen Hintergrund. Dort kann man mit Sicherheit nicht einfach einen Pfeiler wegnehmen. Überzeugt haben die Stadträte die ­Behördenvertreter offensichtlich aber nicht. Jedenfalls gab der Vertreter der Bundesanstalt für Wasserbau (Johannes Schiller) zu bedenken, daß es für den „Steuerzahler nicht nachvollziehbar sei, wenn auf Kosten der Allgemeinheit eine (notwendige) Brükkensanierung durchgeführt“ werde „und für die nächsten 50 Jahre ein Engpaß in einer internationalen Wasserstraße“ verbleibe. Es ist das Ziel seiner Behörde, daß alle Brücken entlang der Wasserstraße Main eine Durchfahrtshöhe von 6,40 Metern aufweisen. Die Stadt Marktheidenfeld müßte sehr intensiv darüber nachdenken, ob sie eine Zustimmung verweigere. Er gehe davon aus, daß auch nach einer Entfernung des mittleren Pfeilers die Brücke das Wahrzeichen der Stadt bleiben könne. (Das Argument ist bestechend, schließlich gibt es viele Städte, die ein Einhorn oder einen Drachen im Wappen haben, obwohl es Drachen oder Einhörner schon lange nicht mehr gibt.)[wdw]

Eine der schönsten Brücken Deutschlands

[md] Die Mainbrücke in Marktheidenfeld gibt es noch, und sie hat eine beeindruckende Geschichte: Sie wurde am 29. Januar 1846 dem Verkehr übergeben. Infolge des Wiener Kongresses 1815 war Unterfranken mit dem Großherzogtum Würzburg und dem Fürstentum Aschaffenburg dem Königreich Bayern zugeschlagen worden. Um die neuen Landesteile besser zu erschließen, ließ König Ludwig I. von Bayern die Landverbindung zwischen Würzburg und Aschaffenburg ausbauen. Dazu sollte auch eine feste Überquerung des Maines gehören und die eher unsichere Furt bzw. Fährverbindung bei Lengfurt ersetzen. Die neue Straße sollte später als Staatsstraße Nr. 148 geführt werden.
Nachdem Ludwig den Neubau im Juni 1835 genehmigt hatte, schickte die Regierung des Untermainkreises, wie Unterfranken damals hieß, Mitte August zwei Entwürfe an das Innenministerium. Diese sahen eine eiserne Kettenbrücke oder alternativ eine Steinbrücke vor. Am 18. November 1835 bewilligte König Ludwig den von Leo von Klenze korrigierten Entwurf der Steinbrücke mit der Auflage, „daß wie die alt-römischen Quader die Steine dieser Brücke behauen werden sollen“. Leo von Klenze besuchte mehrmals die Baustelle, „um vor Ort und Stelle dem Ingenieur mehrere gewünschte Aufschlüße über die architektonische Gestaltung“ des Brückenbaus zu geben. Klenze schreibt weiter: „Dieser Brückenbau ist wohl ohne Zweifel der größte, welcher jetzt in Teutschland ausgeführt wird und die Pracht des Materials und schöne ­Construction werden der Größe des Ganzen wohl entsprechen“ (Brief vom 1. August 1841 an Ludwig I.). Klenze bestimmte während seiner Visiten gestalterische Veränderungen wie die Erhöhung der Flügelmauern seitlich der Widerlager. Ende 1845 war die Brücke fertig – Gesamtlänge 190,4 Meter, Breite zehn Meter, längste Stützweite 27,2 Meter. Die Widerlager und der erste östliche Pfeiler, der noch auf Land steht, sind flach auf dem natürlichen Fels gegründet, die restlichen fünf Pfeiler stehen auf Pfählen aus Eichenholz mit 25 Zentimetern Durchmesser. Die Leipziger „Illustrierte Zeitung“ rühmt schon im Sommer 1845 im Artikel „Die neue Brücke bei Markt Heidenfeld“: „… es stellen sich die der Großartigkeit des Baues entsprechenden sehr gefälligen Verhältnisse des ganzen Werkes auch dem weniger unterrichteten Beschauer so einfach und verständlich dar, daß der Berichterstatter, dem schon manche derartige Werke entgegengetreten sind, nicht zu viel zu sagen glaubt, wenn er behauptet, daß diese Brücke eine der schönsten ist, die in der neuesten Zeit entstanden sind.“ Auf Veranlassung des Königs fand ein Modell der Brükke in der Polytechnischen Schule zu München Verwendung bei den Vor­lesungen über Brückenbau. Ludwig Braunfels schreibt in seinem Buch „Die Mainufer und ihre nähere Umgebung“, 1847 erschienen: „Die neue Straße, die von Aschaffenburg hier durch nach Würzburg führt und die bisherige Überfahrt bei Lengfurt entbehrlich macht, wurde Anlaß zum Bau der neuen Brücke, die eine der schönsten in Deutschland ist. In sieben gewaltigen Bogen prangt das stattliche Werk zur Zierde der Gegend und zur Ehre seines Erbauers, des ­Ingenieurs May.“ (Zu Georg Hein­rich May: www.schloesser.bayern.de/deutsch/presse/archiv15/aschaff/may_geburtstag20-11-15.htm).

Der Stern strahlt noch immer

1-1845-leipz-illustr-ztgAuf Anregung von Bürgermeister Theodor Franz wandte sich die Marktgemeinde Marktheidenfeld am 6. August 1883 mit einer Eingabe an die Regierung in Würzburg „um Einführung eines neuen Gemeindesiegels“. Darin aufgenommen werden sollten die Mainbrücke und darüber ein Stern, weil mit dem Bau der Main­brücke der Stern des Glücks über Marktheidenfeld aufgegangen sei. Nur gut einen Monat später erfolgte die Genehmigung. Nebenbei: Die hier mit dem Brückenbau verbundenen Hoffnungen hatten sich zunächst nur sehr bedingt erfüllt. Die Brücke war mautpflichtig. Und der Fernverkehr lief wieder an Marktheidenfeld vorbei – auf der neuen Bahnlinie Würzburg-Aschaffenburg über Lohr. Der „Stern des Glücks“ strahlte also zunächst über Marktheidenfeld nicht gar so hell… Große Bedeutung erlangen sollte die Brücke für Marktheidenfeld allerdings mit dem Aufkommen des Automobils und dem Waren- bzw. Personentransport im großen Umfang durch dieses Verkehrsmittel.
Anläßlich der Feier des einhundertsten Geburtstages von König Ludwig I. stellte Bürgermeister Franz 1888 den Antrag, „Marktheidenfeld solle seine Dankbarkeit, Treue und Anhänglichkeit an das Herrscherhaus dadurch zeigen, daß es einen Fonds gründen und dem Erbauer unserer Mainbrücke, König Ludwig I., bei derselben ein Denkmals setzen möge“. Die Enthüllung des Denkmals erfolgte am 23. August 1896. 1940 wurde es als „Adolf-Hitler-Spende“ zur Gewinnung von Metall für die Waffenproduktion abgeliefert und eingeschmolzen. Erst seit 1989 „blickt“ König Ludwig I. von Bayern wieder auf seine Brücke und nach Marktheidenfeld.
Am 2. April 1945, Ostermontag, wurden gegen 4.20 Uhr zwei Bogen der Brücke gesprengt mit dem Ziel, die Amerikaner aufzuhalten. Diese besetzten Marktheidenfeld allerdings noch am Nachmittag. Ein Jahr später waren die zerstörten Bogen wieder hergestellt. 1953/54 wurden die Steinbrüstungen durch auskragende Betonkappen und Stahlgeländer auf beiden Seiten der Brücke ersetzt.
Beim höchsten schiffbaren Wasserstand weist die alte Mainbrücke nur eine maximale Durchfahrtshöhe von 6,04 Meter auf. Sie gehört damit zu den niedrigsten Brücken über den Main. Auch ist die Durchfahrtsbreite relativ gering. Hinzu kommt angeblich, daß die Pfeiler nicht ausreichend standsicher gegen Schiffsanprall sind.
Über die Brücke verläuft noch die Bundesstraße 8. Teile der B 8 sind wegen des oft parallelen Verlaufs zur Autobahn A 3 bereits abgestuft worden. Der Abschnitt Rohrbrunn bis Würzburg (West) der A 3 ist im Oktober 1961 für den Verkehr freigegeben worden. Seitdem gibt es auch die Anschlußstelle Marktheidenfeld beim heutigen Stadtteil Altfeld. Die Mainbrücke wurde zum „Autobahnzubringer“ nach Altfeld und Rohrbrunn und zur „Bedarfsumleitung“ der A 3.
Wenn man so will, ist mit dem Autobahnanschluß noch einmal ein Stern des Glücks über Marktheidenfeld aufgegangen – denn er hat dazu beigetragen, daß sich Gewerbe- und Industriebetriebe in Marktheidenfeld niedergelassen haben, hier geblieben sind und expandieren.

 

Der „Tag des offenen Denkmals“ am 11. September 2016 wird in Marktheidenfeld zur Demonstration für den Erhalt der Brücke. Veröffentlicht ist das Programm unter www.mainbruecke-retten.de sowie auf der Homepage der  Stadt Marktheidenfeld (www.marktheidenfeld.de).

Michael Deubert,
ist 1. Vorsitzender des Historischen Vereins Marktheidenfeld und Umgebung e.V.

Zu den Fotos:
Die Bilder entstanden auf Spezialfilmen, wie sie in der sogenannten Lomographie gern Verwendung finden. Sie sind extrem körnig (toxic grain) und bezüglich ihrer Farben immer wieder eine Überraschung.

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