Das effiziente Dorf

Historische und aktuelle Beispiele zeigen, wie dörfliche Genossenschaften Ökonomie mit Ökologie verbinden.

„Ein Hoch auf das Stadtleben“, jubelte Autorin Katja Trippel in der letztjährigen Oktober-Ausgabe eines überregionalen Edelmagazins. Das Leben auf dem Land, so die studierte Geographin, sei ökologischer Unsinn: Die vielen Gemeinschaftseinrichtungen, mit der eine Stadt Tausende Bewohner versorgen kann, seien viel effizienter und energiesparender als so ein Dorf mit seinen paar Bewohnern. Die müßten ihre Bedürfnisse jeder für sich regeln. Vielleicht ein bißchen pauschal. Und schnell aus der Hüfte geschossen. Denn wie man sich gemeinsam versorgt, wurde ja schließlich nicht erst in der Großstadt erfunden. Wer sucht, findet heute noch lebendige Genossenschaften, beispielsweise in Unterfranken. Wer hier ein bißchen herumreist und sich bei den Heimatpflegern des Bezirks ein paar Hinweise abholt, kann leicht die Lücken in den Zahnreihen des etwas großmäuligen Titels des Hamburger Magazins ausmachen. Wir wollen ein paar Beispiele zeigen, wie ökologisch verträglich das Leben auf dem Land war und sein kann, wenn man sich zusammentut.

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Vom Dorfeber und der Wurstdeckelzumachmaschine

Warum man da am besten in Franken sucht? Die Tatsache, daß das Fränkische Erbrecht, die sogenannte Realteilung, unsere Landschaft zu einem Teppich kleiner und kleinster Parzellen machte, hat die Menschen beizeiten gewöhnt, sich zusammenzutun. Es ging schlicht nicht anders. „Deswegen sehen wir heute noch vielerorts dorfeigene historische Brauhäuser, Dörrhäuser, Backhäuser oder gemeinsame Lagerräume für die Ernte“, zählt Prof. Klaus Reder, Bezirksheimatpfleger für Unterfranken, auf. Anderes dagegen ist beinahe vergessen. Vor allem, weil sich unsere Sichtweise geändert hat. „Früher dachte man: Warum soll ich mir allein einen Krauthobel kaufen, wenn wir den doch auch gemeinschaftlich nutzen können“, erzählt der Bezirksheimatpfleger. Aus diesem Geist heraus habe es in den fränkischen Dörfern – etwa des 19. Jahrhunderts – eben nur einen Dorfeber oder einen gemeinsamen Zuchtstier gegeben. „Und auch einen Dorfkrauthobel und die gemeinsame Wurstdeckelzumachmaschine“, sagt Reder. Diese Periode genossenschaftlichen Denkens sei nach den beiden Kriegen von der bayerischen Staatsregierung mit einer sehr genossenschaftlichen Politik ergänzt worden. So wuchsen allenthalben Dorfgemeinschaftshäuser wie Pilze aus dem Boden. Die boten häufig ein Schlachthaus, ein Waschhaus, gemeinschaftliche Kühlanlagen, manchmal sogar Badeeinrichtungen. „In Ottelmannshausen (Lkr. Rhön-Grabfeld) gab es ein Haus der Bäuerin, mit Waschmaschine und Heißmangel“, so Reder.
Romantisch verklären möchte er die historischen Zustände nicht. „Das war aus Mangel geboren!“ Und selbstredend hatte die Frage nach der gerechten Reihenfolge der Nutzung ein erhebliches Potential für dörflichen Ärger. Es sei denn, die Frage wurde durch eine Satzung kanalisiert, wie etwa der Backordnung in Breitensee (Lkr. Rhön-Grabfeld). „Die Reihenfolge des Backens wurde verlost. Der Erste mußte den Dreck vom vorherigen Backen aus dem Backhaus entfernen und erst mal ordentlich anschüren, während der Vorletzte weder etwas reinigen mußte und in aller Regel bei guter Hitze so gut wie kein Holz mehr zum Backen brauchte – der Gedanke war: Auf ein Jahrhundert gesehen, ist jeder mal der erste und der letzte, wenn wir losen.“ Ähnliche Regelungen habe es vielerorts beim gemeinschaftlichen Holzeinschlag gegeben – aufgesetzt wurde das Holz vorher, erst nach diesem Akt verlost, um zu verhindern, daß jemand seinen Stapel besonders dicht oder einen anderen eher lose schichtete.

Das legendäre Grabfeld-Kamel

Daß Gemeinschaftseinrichtungen heutzutage kaum noch in Mode sind, liegt für ihn auch an der Individualisierung und der größeren Verfügbarkeit von Geld. „Ein eigener Gefrierschrank ist für die meisten erschwinglich, deswegen kamen diese Anlagen aus der Mode.“ Aber auch Hygienevorschriften hätten beispielsweise das Schlachten im Dorfschlachthaus mittlerweile so gut wie unmöglich gemacht. Und manche Milchsammelstelle mußte schlicht wegen des zu geringen Aufkommens dicht machen.

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Die Gaststube des als Genossenschaftsprojekt wiederbelebten Dorfwirtshauses „Zur Krone“ in Unsleben

Daß sich – gegen diesen Trend – quicklebendige Dorfbrauhäuser großer Beliebtheit erfreuen, liegt für ihn eher am herrschenden „Megatrend Heimat“, den insbesondere Gastronomie und Touristik ausrufen. Car-Sharing unter Nachbarn oder kleine Maschinenringe bei Obstund Gartenbauvereinen seien „eher ein Phänomen zwischen Leuten, die das Gleiche denken, hat aber mit traditionellen Gemeinschaftseinrichtungen wenig zu tun.“ Eine regionale Besonderheit der Nachkriegsära war das sogenannte „Grabfeld-Kamel“. Der Spitzname für diese 22 Geräteträger beruhte auf der speziellen Form, die sie aufgrund der Aufbauten und des Rahmens hatten. „Nach dem zweiten Weltkrieg war es für viele Zonenrand-Bauern schwer, effizient ihre Felder zu bewirtschaften. Und so gründeten sie eine Maschinengemeinschaft, für das Grabfeld-Kamel gab es sogar eigene Fahrer, die Arbeiten konnten viel schneller erledigt werden“, erzählt Daniela Kühnel. Sie hat die Geschichte des Grabfeld-Kamels aufgearbeitet und stieß auf eine Kreisgenossenschaft zur Förderung der Landwirtschaft, die der damalige Landrat im Landkreis Königshofen, Karl Grünewald, ins Leben gerufen hatte. Bis zu 30 Geräte konnten an diesen offiziell „Ruhrstahlträger“ heißenden Schlepper angeschlossen werden, so etwa Sämaschine, Frontlader, Mähwerk oder Streuer. Mit 37000 Mark pro Exemplar war die Anschaffung dieser Größenordnung natürlich eine Rieseninvestition. „Das Grabfeld-Kamel war von keiner gängigen Marke, und als der blaue Schlepper damals per Bahn in Bad Königshofen ankam, war das für die Bevölkerung eine Sensation“, sagt Daniela Kühnel. Heute noch seien die damals Beteiligten stolz auf das Projekt. „Denn diese Genossenschaft war schon etwas Besonderes, das weit und breit nicht seinesgleichen fand. Ein paar alte Veteranen haben seit 2004 übrigens wieder einen kleinen Maschinenring gegründet und unterhalten ein Grabfeld-Kamel, nachdem sie da und dort in Scheunen oder Lagerhäusern noch alte Ersatzteile und Arbeitsgeräte dazu gefunden haben.“

Dorfauto und Dorfwirtschaft

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Albert Straub aus Sulzfeld im Grabfeld hat mit einigen Mitstreitern ein Grabfeld-Kamel „gerettet“.

Bayernweit einmalig dürfte das „Dorfauto“ im Martinsheimer Ortsteil Gnötzheim (Lkr. Kitzingen) sein. Die Situation für die etwa 300 Einwohner war bislang schwierig: kein Arzt, kein Sportverein, kein Kindergarten, keine Schule, ein Dorfgasthof, der von Ehrenamtlichen betrieben wurde, und eine schlechte Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel. Bürgermeister Helmut Schmidt und der Evangelische Kirchenvorstand fanden einen pragmatischen Weg zu mehr Mobilität: Alle Bürger mit Führerschein können seit Herbst 2011 einen Ford Fiesta mieten, den die Kirchengemeinde mit Hilfe von Spenden geleast hat. Nutzungszeit und gefahrene Kilometer werden in ein Fahrtenbuch eingetragen, Grundpreis sind zwei Euro pro Stunde. Auf mittlerweile 670 Fahrten wurden 28000 Kilometer gefahren, was beweist: Die Idee stößt auf reges Interesse. Selbstverständlich gibt es einen Putzund Wartungsplan unter den Nutzern.

Möglichkeiten für genossenschaftliches Engagement

Unzählige Arbeitsstunden haben dagegen zahlreiche Einwohner Unslebens (Lkr. Rhön-Grabfeld) geopfert, um gemeinsam das alte Dorfwirtshaus „Zur Krone“ wieder zu eröffnen, das lange leer gestanden hatte und schon zur Ruine zu werden drohte. Über ein Jahr lang arbeitete die örtliche Raiffeisen-Genossenschaft an dem Projekt. Mit Fachfirmen und vor allem mit den Mitgliedern der Genossenschaft war in dieser Zeit das historische Anwesen liebevoll renoviert worden. Das Juwel ist jedoch der einstige Tanzsaal, der wieder in neuem Glanz erstrahlt. Fenster wurden originalgetreu angefertigt, der Holzboden aufgearbeitet, Decken und Wände verputzt, ein passendes Mobiliar aufgestellt sowie zur Bewirtung in einem Nebenraum eine Thekenanlage installiert – ideal ausgerüstet also für größere Feiern oder Veranstaltungen. Seit Ende November ist „Die Krone“ wieder geöffnet und bietet nicht nur den Unslebenern einen Treffpunkt.

Eine damals weit verbreitete, heute eher ausgestorbene exotische genossenschaftliche Einrichtung waren die Gemeinschaftskühlanlagen. Ab den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden viele davon errichtet, etwa in Nordheim vor der Rhön (Lkr. RhönGrabfeld). Von Außen ein unscheinbar verputztes Häuschen. Der Grundriß der 1958 gebauten Anlage war mit sechs mal sieben Metern recht überschaubar. Innen aber bot es für die Bewohner 114 Gefrierfächer, aufgeteilt auf neun Ebenen mit je 16 Fächern von 60 Litern Fassungsvermögen. Damals eine wichtige Sache: Eigene Kühloder Gefrierschränke waren für das Gros der Bevölkerung noch unerschwinglich, Hausschlachtungen dagegen aber noch weit verbreitet. Neben Räuchern und Eindosen war da eine weitere Konservierungsmethode höchst willkommen. Die Besonderheit der Nordheimer Anlage ist, daß sie wie ein Karussell aufgebaut war. Man mußte also entweder bis zu seinem Korb oder bis zu einem noch leeren drehen. Diese spezielle Konzeption stammte von der Firma Alfred Tewes GmbH in Frankfurt. Doch dann wurden private Kühlund Gefrierschränke immer erschwinglicher. Während die meisten dieser dörflichen Gemeinschaftskühlanlagen bereits in den 60er Jahren abgebrochen, abgebaut oder zu Schuppen oder Buswartehäuschen umfunktioniert wurden, blieb die in Nordheim unverändert und wurde bis 2009 noch von ein paar Einheimischen genutzt. Zur großen Freude im Fränkischen Freilandmuseum Fladungen, wohin die Anlage demnächst übertragen, überführt und aufgebaut wird. Ab 2015 soll sie voll funktionsfähig und zu besichtigen sein. Die Nordheimer Kühlanlage ist übrigens nicht die einzige von der Dorfgemeinschaft errichtete und betriebene Einrichtung im Fränkischen Freilandmuseum: Das Gemeindebrauhaus aus Alsleben im Grabfeld von 1836 zeigt, daß genossenschaftliche Zusammenarbeit bereits früh praktiziert wurde. Und daß deren Konzept auch heute noch schmeckt, wie die Museumsbesucher jedes Jahr beim Museumsbier-Anstich Ende Juni und beim Großen Museumsfest am letzten Wochenende im August herausfinden können.

Mancher Zeitgenosse neigt dazu, solche Gemeinschaftseinrichtungen romantisch zu verklären. „Die Ökobilanz einer Gemeinschaftskühlanlage wurde noch nie erprobt, aber selbst wenn sie vermutlich sehr günstig ausfallen würde: Der Trend geht Richtung Individualisierung.

Albert Straub aus Sulzfeld im Grabfeld hat mit einigen Mitstreitern ein Grabfeld-Kamel „gerettet“.

Albert Straub aus Sulzfeld im Grabfeld hat mit einigen Mitstreitern ein Grabfeld-Kamel „gerettet“.

Die Leute fragen sich eher: Will ich, daß der Nachbar weiß, was ich in der Kühltruhe habe?“ fragt Reder. Außerdem regle der Markt viele Versorgungsfragen schlicht effizienter, weswegen er skeptisch gegenüber den Erfolgsaussichten der mancherorts betriebenen Dorfläden (z.B. in Rödelsee, Lkr. Kitzingen, oder in Unsleben, Lkr. Rhön-Grabfeld) ist. „Eine Gemeinde ist meiner Meinung nach nicht dafür da, einen Laden zu betreiben. Zumal dort nur die einkaufen, die auch schon früher im Tante-Emma-Laden einkauften“, vermutet der Bezirksheimatpfleger.

Ob denn genossenschaftliches Denken, ob denn Gemeinschaftseinrichtungen auf dem Land eine Renaissance erleben könnten? Reder sieht Potential, allerdings in anderen Bereichen als den althergebrachten. „Sowohl bei der Energiewende, aber auch bei der Waldbewirtschaftung, der Landschaftspflege oder im Bankenwesen ist für mich reichlich Bedarf an genossenschaftlichem Engagement“, so der Bezirksheimatpfleger.