Augenweiden aus Mohn und Emmer

„s Bullmers“ war der Hofname im Dorf bis vor ein paar Jahren. Jetzt heißt Helmuth Kleinschroth samt seinem Hof nur noch „der Mohnbauer“. Und es gefällt ihm! Frankens größter Anbauer von Mohn, gleichzeitig einer der größten in Deutschland, ist Landwirt in Fuchsstadt (Markt Reichenberg), wo der Ochsenfurter Gau an die Stadt Würzburg grenzt.

Ein alteingesessener Dreiseithof in der Hauptstraße. Im Stall steht eine Ochsenmast von Fränkischem Gelbvieh. Kamerunschafe weiden draußen. Ein Hühnerhof! Es muß viel passieren, daß sich ein Hofname ändert. Hofnamen bleiben, selbst wenn die Höfe sterben. Helmuth Kleinschroth aber hat etwas Altes neu probiert und damit für Aufsehen gesorgt. Der Landwirtschaftsmeister baut auf jetzt neun Hektar Blaumohn an und erntete 2014 sechs Tonnen Mohnsamen. Auf weiteren Flächen stehen Getreidesorten wie Schwarzkorn-Emmer, Gelbweizen, Rotweizen, Dinkel und Einkorn. Von Sterben ist hier gerade keine Rede mehr, auch wenn die Biogasanlagen – gleich zwei in diesem 500-Einwohnerund 800-HektarDorf – die Pachtpreise für Ackerland, wie Kleinschroth sagt, lebensbedrohlich in die Höhe getrieben haben: „Wenn der Hektar von 500 Euro Pacht auf mehr als das Doppelte steigt, das spüre ich. Mit Milch und Rüben kannst du kein Geld mehr machen, du brauchst Nischenprodukte mit einer höheren Wertschöpfung.“ Von den rund 65 Hektar, die der Hof bewirtschaftet, ist gut die Hälfte gepachtet. Bei dieser Größe muß er unheimlich jonglieren zwischen Pachtpreisen, Fruchtfolge und einem Faible für Vielfalt, wobei auch die Biogasanlage in kleinem Umfang von ihm beliefert wird.

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Für Mohn bedarf es einer Anbaugenehmigung der Bundesopiumstelle

So sieht ein selbstbewußter Landwirt aus. Helmuth Kleinschroth führt bei Gelegenheit auch einmal auf seine Felder und zeigt Emmer

So sieht ein selbstbewußter Landwirt aus. Helmuth Kleinschroth führt bei Gelegenheit auch einmal auf seine Felder und zeigt Emmer

Ein Fachartikel über den rosa blühenden Schlafmohn (Papaver somniferum) hat Kleinschroth die Augen geöffnet. Und: Er ist der Typ, der immer mal gerne was Neues ausprobiert. Da darf man sich nicht abschrecken lassen, daß man eine Anbaugenehmigung der Bundesopiumstelle im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte benötigt, wegen des Morphins, was den Mohnanbau in die Illegalität verbannte. Auch davon nicht, daß man erst einmal Saatgut finden muß, bei der Deutschen Saatenveredelung etwa. Morphinarm und zugelassen muß es sein. Abschrekken darf auch nicht, daß etwa jede vierte Ernte gänzlich hinter den Erwartungen zurückoder gar ausbleibt, wie die Erfahrung seit 2007 zeigt. Die Lagerhaltung, mahlen, verpacken, vermarkten: Mohn anzubauen heißt, sich ganz und gar auf Mohn einzulassen. Aber das ist längst geschehen und dann wiederum paßt er gut in die Fruchtfolge, kann mit dem Mähdrescher geerntet werden, auch wenn er sehr viel Fingerspitzengefühl verlangt. Mohn muß kühl und trocken lagern – in Fuchsstadt in großen, weißen BigPacks. Mit seinem enormen Ölgehalt von gut 40 Prozent in den winzigen Samenkörnern neigt er einerseits dazu, ranzig zu werden, andererseits fremde Gerüche anzunehmen und der typisch nußige Mohngeschmack ist dahin. Das Sensibelchen wird also zur Verarbeitung immer frisch gemahlen in bedarfsgerechten Portionen ausgeliefert. Seinen Hauptabnehmer hat Kleinschroth in der Würzburger Bäckerei von Martin Schiffer gefunden. Ein anderer Teil wird in der Ölmühle Hartmann (Biburg) zu Mohnöl verarbeitet. Dieses sei mit Omega-3-Fettsäuren physiologisch sehr wertvoll und habe den mild-nußigen Mohngeschmack, wirbt er. Es passe gut zu Karotten, Tomaten, Obst und Süßspeisen.

Mohnday mit Feldbäckerei und Gottesdienst

... und Mohn, dessen Anbau viel Fingerspitzengefühl verlangt.

… und Mohn, dessen Anbau viel Fingerspitzengefühl verlangt.

Die Regionaltheke – von fränkischen Bauern (Feuchtwangen), das Slow Food Netzwerk des guten Geschmacks, die Mainfrankenmesse, Backvorführungen beim fränkischen Backofenproduzenten Manz (Creglingen) oder der „Mohnday“ im August zur Ernte auf dem eigenen Feld – Kleinschroth ist nicht mehr nur Landwirt, er braucht neue Wege der Vermarktung für sein sorgfältig kultiviertes, regionales Nischenprodukt. Da wird die Mohnernte zum Event. Fünf Jahre lang war der Mohnday ein von Kleinschroth und Schiffer inszenierter Publikumsmagnet. Und so erfolgreich die Aktion auch war, mitten in der Ernte hat sie einfach zu viel Zeit und Energie erfordert.

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Kleinschroth ist dieses Jahr zu einem Hoffest übergegangen, eröffnete seinen eigenen Hofladen. Feinmehle von Gelbweizen, Rotweizen und Emmer, Mohn, das Mohnöl, Mohnhonig, Eier, Kartoffeln wie Bamberger Hörnle, Blaue St. Galler, Quarta und Capri, Apfelsaft seiner ungespritzten Streuobstwiesen sowie diverse Produkte anderer Direktvermarkter – unter anderem Puten, Nudeln und Marmeladen – stehen im Regal. „Davon habe ich schon von klein auf geträumt“, strahlt er erwartungsvoll, wie das wohl werden wird. „Es muß werden!“ Ohne Enttäuschungen war es schon bislang nicht abgegangen: auf dem Acker nicht und bei der Vermarktung nicht. So habe er sich von der Regionaltheke mehr Umsatz versprochen. „Aber die zieht nicht so richtig“, findet er. Das neue Portal www.regionales-bayern.de will die Direktvermarkter bündeln. Mal sehen! Die rosa blühende Mohnsorte Miezko ist nicht die einzige Spezialkultur in der Fuchsstadter Flur. Auch das Urgetreide Emmer wollte Bäcker Schiffer haben und Kleinschroth hat es „gejuckt“. Wenn der Wind über den Schwarzemmer mit seinen markanten Grannen streicht, sieht es aus, als wenn einem mit langen Wimpern zugezwinkert würde, schwärmt er. Mohn und Emmer sind Augenweiden! Mohn außerdem auch eine Bienenweide: Sechs Bienen an einer Mohnblüte, das habe er vorher noch nie beobachtet.

Eiweißpflanzenstrategie des Bundes

Dinkel, Gelbweizen, Rotweizen und Einkorn hat Kleinschroth außerdem für sich entdeckt. Die Allianz mit einem Bäcker wie Schiffer, der den regionalen Einkauf favorisiert und die Qualitäten naturbelassener, verschiedener Mehle wie dem klassischen Populationsroggen (im Gegensatz zu Hybridsorten) und seiner natürlichen Teigführungseigenschaften schätzt, ist eine gute Basis. Kleinschroth preist Rotweizen-Feinmehl in Vollkornqualität an, so fein und universell einsetzbar wie üblich, daß es auch den letzten Vollkorn-Skeptiker überzeugen müßte. Eine Zentrifugalmühle macht es möglich. Sein Vorteil: Der rote Farbstoff in der Schale aus der Gruppe der Flavonoide gilt als gesundheitsfördernd, indem er im Körper freie Radikale bindet. Mit glutenfreien Getreiden wie Quinoa und Hirse würde er gerne mal noch arbeiten, sagt der Landwirt. Und so sehr er mit seiner Palette an Feldfrüchten auch herausragt aus dem großen Einerlei an Weizen, Zuckerrüben und Mais – es gibt einen Trend zu größerer Vielfalt im Anbau, nicht zuletzt weil die Nachfrage da ist. Für Mohn sind es immerhin noch 7000 Tonnen jährlichen Bedarfs für Deutschland, die importiert werden. Die Nachfrage ist also da, wenn auch marginal im Vergleich zu den Wachstumsmärkten, die Herbert Siedler für Franken sieht, Pflanzenbau-Experte im Würzburger Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.

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Ganze Schautage und Tagungen veranstalten die Landwirtschaftsämter und das „Projekt Soja-Netzwerk“ als Teil der Eiweißpflanzenstrategie des Bundes, um den regionalen Soja-Anbau zu befördern. 1000 Hektar hat Unterfranken aktuell zu bieten. Es könnte ein Vielfaches sein. Sowohl die Lebensals auch die Futtermittelindustrie hätten großes Interesse an gentechnikfreier, regionaler Produktion, erklärt Herbert Siedler. So stand der 12. Kulturlandschaftstag der Bayreuther Lehranstalt für Landwirtschaft im Juli 2014 ganz im Zeichen von heimischen Eiweißfuttermitteln, nicht nur um die regionale Wertschöpfung zu stärken und sich von Soja-Importen und Gentechnik unabhängiger zu machen. Hülsenfrüchte wie Soja, Bohnen und Erbsen haben außerdem Vorteile für die Bodenfruchtbarkeit, da die Fruchtfolge aufgelockert und weniger Stickstoff zugeführt werden muß. Sie binden Stickstoff in ihren Wurzeln – ein ökologischer Vorteil, den auch Kleinschroth schon genutzt hat, obgleich er mit dem Ertrag letztlich nicht zufrieden war.

Ein anderer Wachstumsmarkt ist Dinkel. Schon seit Jahren. Hier tritt Deutschland als Exporteur auf. Neu aufgelebt ist der Markt für Durum – Hartweizen für die Nudelindustrie. Die neue Sorte Wintergold, die zum einen gut frosthart ist und auch mit weniger guten Böden auskommt, ist vielversprechend. Das würde sogar für die Keuper-Standorte bis in die Bamberger Gegend wieder interessant.
Sechs Durummühlen in Deutschland, so Siedler, verarbeiteten rund 400000 Tonnen Durum im Jahr. Aber nur 10 Prozent davon würden in Deutschland angebaut. Der Rest ist importiert. Dieser Markt bietet Möglichkeiten, zumal die Lebensmittelerzeuger immer mehr an regional erzeugter Ware interessiert sind. Das ist ein Trend, der derzeit stärker ist als Bio, denn die Marktpreise für konventionelle Erzeugung waren die letzten Jahre gut, sagt Siedler.

Der „Mainfranken-Mohnhof“ ist preisgekrönt

Dem Mainfranken-Mohnhof, wie „s Bullmers“ sich jetzt offiziell nennt, kommt das zupaß. „Fränkisches Qualitäts-Produkt“ hat Helmuth Kleinschroth auf seinen Etiketten stehen. Den Wettbewerb „Zukunftsfähige Landnutzung in Bayern“ hatte er bereits 2011 als Mohnbauer gewonnen. Nach Meinung der Jury als „beispielhaft für eine multifunktionale Landnutzung, die sich durch Innovation, Kooperation, Regionalität und Umweltfreundlichkeit auszeichnet“.